26 September 2020

Die Autorität der Geschichten

Posted in Gefühl, Entwicklung

Die Sache mit der Autoritaet

Die Autorität der Geschichten

Anfang Juni - die Lockerung der COVID-19 Verordnungen schritt zügig voran - begann ich gemeinsam mit meiner Tochter Irina ein Herzensprojekt in die Tat umzusetzen. Wir hatten vor, bei unserer Grundstückseinfahrt die beiden Flächen links und rechts der Fahrbahn zu gestalten. Es war uns bewusst, dass dieses Projekt etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen würde. Zeit, die wir gemeinsam - aber auch jeder für sich - genießen wollten.

Schon die Planungsphase hatte es gefühlsmäßig in sich. Wir hatten uns vorgenommen, eine unvollendete Skizze von César Manrique - einem unserer Lieblingskünstler - mit anderen seiner Skizzen zu kombinieren, zu colorieren und auf 104 m² zu malen. Die Skizze zeigt die Ernte von Kaktusfeigen auf Lanzarote und übte schon immer eine unbeschreibliche Faszination auf mich aus. Natürlich wollte ich der Sache auf den Grund gehen. Das überwiegende Gefühl das sich zeigte war Ehrfurcht, was von der Definition her gleichbedeutend ist mit Hochachtung, Respekt vor der Würde, Erhabenheit einer Person (in diesem Fall Manrique), eines Wesens oder einer Sache (die Skizze der Kaktusfeige Ernte). 

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Manriques Skizze von 1942

Hast Du schon einmal die Ehrfurcht gefühlt?

Ich hab´s getan. Ich war verblüfft, als sich nach den negativen Gefühls-Aspekten von Herablassung, Respektlosigkeit, Arroganz, Verachtung… die positiven Gegenpole Natürlichkeit, Zwanglosigkeit und Entspanntheit... zeigten. 

Der Faszination, die für mich von diesem Bild ausgeht wurde deshalb nicht geringer. Ganz im Gegenteil, ich konnte es mit einer neu entdeckten Gelassenheit auf mich wirken lassen, frei ans Werk gehen und damit die “Ernte der Kaktusfeige” neu interpretieren.

Geschehen lassen...

Das Vorzeichnen auf der weiss grundierten Wand war nach wenigen Tagen erledigt. Da saß ich nun. Am Gerüst, auf fast drei Meter Höhe. Ausgerüstet mit einer großen und einer kleinen Farbrolle, einem Pinsel mit 20 mm Stärke und einem Kübel (zu deutsch: Eimer) blauer Farbe. Die Farbe Blau ist - spirituell gesehen -  die Farbe des Himmels (genau dafür war sie gedacht) und der geistigen Tiefe. Blau ist auch eine Symbolfarbe für das weibliche Prinzip (das geschehen lassen) und das Wasser, welches für die Gefühle generell steht. Symbolisch steht blau auch für Frieden, Klarheit, Ehrlichkeit, Treue, Verständnis, Entspannung, Selbstprüfung, Geduld, philosophische Gedanken, gegen Entzündungen, Stress, Anspannung und Schlaflosigkeit. 

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Blau - das weibliche Prinzip - geschehen lassen...

Wenn Gedanken und Gefühle scheinbar verschmelzen

Unter diesen Aspekten zu malen, machte riesigen Spaß, das fühlte sich richtig gut an. Gedanken und Gefühle rückten näher zusammen, begannen sich scheinbar zu verschmelzen und eine Einheit - ein Ganzes - zu bilden. Klar, entspannt und offen für Gedanken/Gefühle rollte und pinselte ich das Himmelblau auf die weisse Wand. 

Autorität als zentrales Thema

In diesen Tagen des Malens, tauchte bei mir immer wieder das Thema “Autorität” auf. Ist ja nicht weiter verwunderlich, waren doch die vergangenen Wochen und Monate geprägt von den unterschiedlichsten Theorien, Thesen und diversen “Wahrheiten” über COVID-19. 

Als die ersten Regierungen “Verordnungen zur Eindämmung von COVID-19” erließen, nahm - aus meiner Sicht - das Thema so richtig Fahrt auf. Regierungen sind mehrheitlich (zumindest bis zum Ende der jeweiligen Legislaturperiode) akzeptierte “gesellschaftliche Autoritäten”, die solche Verordnungen und Gesetze - unter den jeweils landesspezifischen Gegebenheiten - erlassen können. 

Es traten Einschränkungen für den Reiseverkehr in kraft, Veranstaltungen wurden abgesagt, die räumliche Distanzierung der Menschen wurde mit einem Babyelefanten genormt, Universitäten und Schulen wurden geschlossen, Einschränkungen für Geschäfte und die Gastronomie sowie Betretungsverbote für öffentliche Orte und die Tragepflicht für Schutzmasken wurden erlassen… 

Auf diese Erlässe, Verordnungen und Verbote konnte ich nun unterschiedlich reagieren - wenn ich denn wollte. Ich hatte die Möglichkeit, alles so hinzunehmen, weil die Regierung es so verordnet hat, oder Teile davon zwar kritisieren, dann mich aber doch wieder - gegen meinen Willen - zu fügen. Ich hätte auch gegen alles rebellieren, für Schwachsinnig erklären, oder ablehnen können. Genausogut hätte ich mich den unterschiedlichsten “Verschwörungstheorien” anschliessen, oder neue verbreiten können. Wahrscheinlich fallen Dir noch einige Möglichkeiten ein, die mir offen standen.

Wachstum und Veränderung

Zwischenzeitlich war der Himmel fertig und ich griff zum grünen Farbtopf. Grün gilt als Symbol für den Frühling und die Natur, die Farbe der Hoffnung, des neuen Lebens und des Neubeginns. Grün steht für Natur, Natürlichkeit, Jugendlichkeit, körperliches Wachstum, seelisches Wachstum, Fruchtbarkeit, Anpassung, Wiederbelebung, Heilung, Medizin, Gesundheit, Gelegenheit, Besitz, Geld, finanzielle Sicherheit, Bequemlichkeit, Veränderung der Lebensbedingungen und des Inneren.

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Grün - Neubeginn, seelisches Wachstum, Veränderung des Inneren...

Es schien, als würde die Farbe Grün einiges an Widerstand in mir erzeugen. Nach dreimaligem übermalen und dem Auseinandersetzen und fühlen der Themen “Neubeginn des Lebens”, “seelisches Wachstum” und “Veränderung des Inneren”, war ich mit dem Grün der Palmen zufrieden.

Auch die Folgen meines Fühlens trug Früchte: Ich stellte mir einfach die Frage:

“Was hat das Thema Autorität mit mir zu tun?”

Einerseits hatte ich die Option mich selbst zu verbiegen und gehorsam allem zu folgen, was die Regierung mir vorschreibt, andererseits hatte ich die Möglichkeit, mich dagegen aufzulehnen, davon zu sprechen, dass ich mir nichts vorschreiben lasse, dass ich mich meiner Freiheit nicht berauben lasse, dass hier Mächte am Werk sind, die nur Schlechtes für mich wollen…

Wäre da nicht dieses “Sowohl als auch”. Ich gebe schon zu, dass dies anfangs vielleicht ein bisschen “verrückt” klingt. Bei näherer Betrachtung ist es das aber nicht. Also, lass uns das mal genauer ansehen und wenn Du Lust hast, können wir es auch gemeinsam fühlen:

Alle Aussagen, Berichte, Artikel, Stellungnahmen von Experten, YouTube-Videos, Gerüchte, Theorien, Thesen …, Blogbeiträge - ja, sogar dieser - sind nichts anderes als “Geschichten”.  Geschichten die allesamt weder “gut”, noch “schlecht”, weder “positiv”, noch “negativ” sind. Sie sind beides: Sowohl als auch. Womit wir wieder bei der Aussage wären: “Alles was ist, hat seine Berechtigung und darf sein, so wie es ist.” 

Ein Schritt weiter...

Der Spruch von Jorge Bucay auf den Lesezeichen von www.dieerlesene.at veranlasste mich, einen Schritt weiter zu gehen:

“Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen - Erwachsenen, damit sie aufwachen”

Du kannst Dir Deine Geschichten erzählen - oder erzählen lassen - um Dich darin “einzukuscheln”, Dich darin zu sonnen, zu räkeln, zu suhlen, Dich damit zu identifizieren, darin anderen Personen eine Rolle zuteilen… bis Du “einschläfst” um dann, wenn Dir die Geschichte wieder erzählt wird Selbiges zu tun. So lange bis, na ja, wohl Ende nie.

Du kannst Dir aber auch eine Geschichte erzählen/erzählen lassen um aufzuwachen.

Der Vulkan als Sinnbild von unbändiger Energie.

Mittlerweile war ich bei den Brauntönen angelangt. Braun ist spirituell gesehen unter Anderem die Farbe der Erdverbundenheit. Ich liebte es, diese Vulkane und Berge zu malen, die Brauntöne in all ihren Facetten, das Spiel von Licht und Schatten, die Tiefe, die Nähe und die Ferne. Es war, als würden die Vulkane zum Leben erwachen, das Feuer der Begeisterung entzünden und ihre unbändige Energie fliessen lassen. So wie es die Geschichten - die ich mir selbst erzählte und/oder mir erzählt wurden - bei mir taten. 

Ein Vulkan ist für mich nicht bloss ein Vulkan. Er ist neben seinem riesigen Farbspektrum das Spiel von Licht und Schatten, die Tiefe, die Nähe und die Ferne, das Feuer der Begeisterung, unbändige, fliessende Energie und, und, und.

So ist es auch mit den Geschichten. Sie bestehen nicht bloß aus dem erzählten Inhalt und den darin vorkommenden Protagonisten, sie bestehen auch aus jeder Menge Emotionen und Gefühle. 

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Brauntöne für Erdverbundenheit...

Ich kann mir einen Vulkan ansehen und es wird ein Vulkan bleiben. Ich kann mir eine Geschichte erzählen (oder erzählen lassen) und es wird eine Geschichte bleiben. Ich kann aber auch MICH bewusst wahrnehmen, wenn ich mir einen Vulkan ansehe. Die aufkommenden Gefühle ganz bewusst fühlen, die Emotionen spüren um dadurch der Energie des mir Begegnenden zu neuer Schwingung zu verhelfen. Auch die Geschichte hat ihren Zweck erfüllt, wenn ich meine Aufmerksamkeit auf mich lenke und die für mich damit verbundenen Gefühle aus tiefstem Herzen fühle.

Ich habe immer die Wahl

César Manrique hat - zu Beginn zu meinem “Leidwesen” - die Skizze nur sehr spärlich coloriert. Das bedeutete, dass uns die Farbwahl blieb. Irina und mir war wichtig, dass sich alles farblich harmonisch fügt. Wir standen vor der Wahl, alle Details des Bildes (also satte 104 m²) zu besprechen und zu planen, oder gegenseitig unserem Gefühl zu vertrauen. Wir wählten Zweiteres. Und, was soll ich sagen? Es war zweifelsohne die richtige Wahl.

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Farbenvielfalt...

Und so verhält es sich für mich auch mit Geschichten. Ich kann eine Geschichte hören oder sehen und dann recherchieren, andere Meinungen einholen, mir noch “Bonusmaterial” hineinziehen um die Geschichte zu untermauern oder zu widerlegen, oder ich kann mich “beobachten” und jene Gefühle fühlen, die in mir beim Hören oder Sehen der Geschichte hochkommen. 

Ich bin meine Autorität

Wenn ich in der Geschichte bleibe anerkenne ich - mit hoher Wahrscheinlichkeit unfreiwillig und unbewusst, dass mir diese Geschichte vermittelt, was ich denn zu tun, oder nicht zu tun hätte. Damit würde ich ihr Autorität über mich gewähren. Fühle ich die durch die Geschichte ausgelösten Gefühle, bin ich meine Autorität und übernehme die alleinige Verantwortung für mein Leben. 

Lebensfreude

Sechs Wochen nach dem ersten Pinselstrich malten Irina und ich die Signatur Manriques als Abschluss an die Fassade.

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Fertig...

Die rechte Seite war fertig. Was für manchen Betrachter vielleicht ein buntes Bild ist, wurde für mich pure Lebensfreude.

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Die gemeinsame Zeit, die Zeit für mich ganz persönlich, die Gefühle, die Emotionen, die Erkenntnisse, die Entwicklung, die Erfahrung, die Ruhe, die unbändige Energie, die Gelassenheit… das alles spiegelt sich für mich in der Vielfalt und dem Leuchten der Farben auf diesem Bild.

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Es hat riesigen Spass gemacht...

Ich bin dankbar, dass ich diese sechs Wochen so intensiv erleben und spüren durfte. 


Falls Du Hilfe brauchst, beim Umgang mit Deinen Gefühlen, scheue Dich nicht und nimm Kontakt zu mir auf.  


Alles Liebe, bis zum nächsten Mal.

 sig gernot

    

 

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Kommentare (2)

  • Irina

    Irina

    27 September 2020 um 09:36 |
    Vielen lieben Dank für die gemeinsame Zeit, dieses Projekt und diesen Blogbeitrag. Du hast auf wunderschöne Art und Weise gezeigt, wie sich die letzten Wochen angefühlt haben und ich kann mir gut vorstellen, dass es vielen dabei ähnlich gehen wird und sie sich ebenso in dem Beitrag wiederfinden. Das Lebensfreude Projekt war wunderschön und wenn ich es ansehe fühle ich immer wieder aufs Neue die Freude, die ich beim Malen und Fertigstellen gefühlt habe. Danke!

    antworten

    • Gernot Blümel

      Gernot Blümel

      27 September 2020 um 15:29 |
      Liebe Irina, ich freue mich schon auf das nächste Lebensfreude Projekt ;-)

      antworten

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